Die kalkulatorischen Zinsen

Kalkulatorische Zinsen werden in der Betriebswirtschaftslehre und im Rechnungswesen von Unternehmen verwendet, um diejenigen Zinsen zu ermitteln, die ein Unternehmen am Kapitalmarkt erzielen könnte, wenn es dort anstatt in seinen Unternehmenszweck investieren würde. Das Kapital kann natürlich nicht komplett am Kapitalmarkt investiert werden, dazu müsste das Unternehmen zerlegt und verkauft werden. Daher sind kalkulatorische Zinsen ein fiktiver Wert, sie bilden aber eine wichtige Benchmark. Wenn ein Unternehmen weniger Gewinn erzielt, als die kalkulatorischen Zinsen ausweisen, wirtschaftet es nach allgemeinen Maßstäben schlecht, das Kapital wäre anderswo besser angelegt. Man spricht daher bei kalkulatorischen Zinsen auch von Opportunitätskosten, also hingenommenen Kosten zugunsten des Unternehmenszwecks. Betriebswirtschaftlich werden sie beachtet, steuerlich haben sie natürlich keine Relevanz.

Was sind Opportunitätskosten?


Bezeichnenderweise bezeichnen manche Betriebswirte die Opportunitätskosten, zu denen die kalkulatorischen Zinsen gehören, als Schattenpreise oder Verzichtskosten.
Dass sie entgangene Erlöse darstellen, wird allgemein akzeptiert. (Hier erhalten Sie Formeln zur Berechnung von kalkulatorischen Zinsen und weitere Infos.) Diese Kosten entstehen praktisch immer, denn kein Unternehmen kann maximal, sondern stets nur optimal wirtschaften. Es hat ein Produkt auf den Markt gebracht und hierbei Eigen- und Fremdkapital aufgewendet, doch ein anderes Produkt hätte mehr Gewinn bringen können. Die Opportunitäten (Möglichkeiten) zu seiner Erstellung wurden aber zugunsten des ersten Produkts nicht wahrgenommen, weil an irgendeiner Stelle eine Entscheidung zu treffen ist und jede Unternehmensführung ein spekulatives Element in sich trägt. Es gilt, wie auch bei der Betrachtung der kalkulatorischen Zinsen im Besonderen, ganz allgemein bei Opportunitätskosten der Betrachtungsstandpunkt, der nicht in die Leistungsrechnung und erst recht nicht in die steuerliche Auswertung eingeht, wohl aber in die künftige unternehmerische Kalkulation. Es ist mithilfe dieses Konzeptes möglich, verschiedene Produktionsprogramme zu vergleichen. Die Bewertung der Alternativen erfolgt allerdings stets, nachdem die Entscheidung getroffen wurde. Dennoch schaffen Opportunitätskosten eine Benchmark für die Zukunft, wenn es etwa um Preisfestsetzungen geht. Das Unternehmen hat sich für einen niedrigeren Preis seines Produktes entschieden, weil das einen Wettbewerbsvorteil verspricht. Nach der Markteinführung stellt sich heraus, dass der höhere Preis sehr gut durchzusetzen wäre, was sich aber aus marketingtechnischen Gründen verbietet. Hier entstehen Opportunitätskosten, die künftig berücksichtigt werden, indem das Unternehmen die kommenden Preise höher ansetzt. Sollte das Unternehmen aufgrund seiner Preispolitik einen Gewinn unter den Kapitalmarktzinsen oder gar einen Verlust erzielen, kann gleich mit den kalkulatorischen Zinsen gerechnet werden.

Kalkulatorische Zinsen in der Realität


Praktisch können kalkulatorische Zinsen nicht nur im Vergleich zu den Kapitalmarktzinsen (welchen Kapitalmarktzinsen?) ermittelt werden, auch das einzelne betriebliche Geschehen ist stets an der Benchmark der kalkulatorischen Zinsen auszurichten. Ein Beispiel sind die vielen Gebäude, die ein Unternehmen gewöhnlich besitzt, aber selten maximal nutzt. Diese könnten untervermietet werden, andernfalls ergeben sich durch die entgangene Miete kalkulatorische Zinsen beziehungsweise Opportunitätskosten. Das Unternehmen kann nur nicht ständig seine freien Kapazitäten untervermieten, möglicherweise werden sie demnächst wieder benötigt. Es kann auch nicht ständig Mitarbeiter ein- und ausstellen, hier setzt das Arbeitsrecht Grenzen. Es kann allerdings die Mitarbeiter per Teilzeit, über Leiharbeitsfirmen oder als Honorarkräfte beschäftigen, und tatsächlich basiert dieser viel kritisierte Vorgang auf der Betrachtung der kalkulatorischen Zinsen. Zu beachten ist hierbei, dass ein Unternehmen nicht nur rein betriebswirtschaftlich, sondern auch als soziales Gebilde funktioniert, weshalb eine allzu strikte Orientierung an kalkulatorischen Zinsen sehr vorsichtig zu betrachten ist.